Beitrag zum Workshop “Publizieren in der Lehre”: Publikationskulturen in Europa“ (via skype)

Schönen guten Morgen aus London! Vielen Dank für die Einladung, besonders an Daniel
Lambach und Wolfgang Muno, die mir und die Möglichkeit geboten haben, meinen Beitrag auf diesem Wege via Skype zu leisten.

Ich habe mich über die Einladung sehr gefreut, auch weil ich solche Austauschmöglichkeiten für essentiell und hilfreich halte. Gleichzeitig war ich erst etwas zurückhaltend, da ich mir nicht sicher war, wieviel ich zu diesem Thema beitragen kann. Aber nach einigen Überlegungen, ist mir doch klargeworden, dass wir uns in den letzten Jahren in verschiedensten Foren über Publizieren in der Lehre ausgetauscht haben – und meine Einsichten aus diesem Austausch würde ich heute gerne mit Ihnen teilen.

 

Bereits an dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass viele meiner Einsichten nicht ohne den Austausch mit einer Anzahl von KollegInnen möglich gewesen wären.

Ich will mit einer Frage beginnen die mir Daniel als Inspiration gestellt hat über Publikationskulturen, bevor ich einige Einsichten über Publikationsstrategien zur Diskussion anbieten werde. Ich würde mich über Ihr Feedback, eigene Erfahrungsberichte, Kritik und Kommentare natürlich sehr freuen.

Die Frage, die mich sehr zum Nachdenken gebracht hat war die folgende: Gibt es so etwas wie nationale Publikationskulturen über die politikwissenschaftliche Hochschullehre, oder einen europäischen Diskursraum über solche Organe wie EPS, oder bestimmte Gemeinschaften? Was können wir in Deutschland von den Erfahrungen anderer lernen, wenn wir eine Publikationskultur voranbringen wollen?

Die Tatsache, dass dieser Workshop stattfindet, ist meiner Ansicht nach ein erstes starkes Zeichen für das Interesse und die Notwendigkeit einer Publikationskultur in der Hochschullehre auch im Deutschsprachigen Raum.

Es scheint im Englischsprachigen Raum im Moment tatsächlich eine höhere Aufmerksamkeit für Hochschullehre zu geben, aber das ist meiner Einschätzung nach nur eine Frage der Zeit. Es ändert sich auch zunehmend auf dem Kontinent. Dass soll nicht heissen, dass der jeder in den USA oder England dem unterrichten einen höheren Stellenwert beimisst. Was wir aber schon sehen, ist dass es dort immer wieder größere Gruppen von engagierten und lehrbegeisterten KollegInnen gibt. Und dieses Engagement wird auch zusehends gefördert, wie z.b. durch die Higher Education Academy Fellows und andere Initiativen;

Und dieser Aspekt ändert sich auch langsam in Mittel- und Zentraleuropa. Die Themengruppe Hochschullehre und andere Initiativen sind ein guter Indikator dafür. Aber auch innerhalb unserer ECPR Standing Group „teaching and learning politics“ sehen wir diesen Trend. Unsere Standing Group hat im Moment bereits 200 Mitglieder und ist somit eine der grössten ECPR standing groups. Dieses steigende interesse hat sich auch bei der letzten Konferenz gezeigt, wo wir mit 7 hervorragenden Panels und einem runden Tisch vertreten waren.

Gleichzeitig ist es nach wie vor so: wo lese ich über Lehrinnovationen nach? Wo publizieren interessante KollegInnen? In englischsprachigen Medien. Aber auch das ändert sich langsam, und wir sehen auch immer mehr KollegInnen aus nicht-englischsprachigen Universitäten, welche interessant und wertvolle Beiträge zur Hochschullehre leisten. Und natürlich geht es hier nicht um einen Wettbewerb: es ist nicht das eine oder das andere; und wir sehen definitiv einen stetigen Wandel und steigendes Interesse.

Was heißt das für Deutschland? Um eine Publikationskultur voranzutreiben brachen wir Austausch. Und an dieser Stelle nochmals Gratulation an die Themengruppe Hochschullehre der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft, die genau die Plattform für Austausch bietet, die hierfür notwendig ist. Und für den Rest, einfach tun: beobachten, messen, reflektieren – schreiben und publizieren.

Das war soweit die einfache Antwort: lassen sie mich jetzt einige Reflexionen zum Thema Publizieren mit ihnen teilen. Und hier will ich besonders auf WAS, WIE, WO publizieren eingehen.

WAS publizieren?

Eine wichtige Frage über das Was, denke ich, sollte immer folgendermassen beginnen: Was würden wir gerne lesen? Für Wen schreiben wir? Wer ist mein Publikum? Diese frage kann natürlich in einigen Fällen sehr fachspezifisch ausfallen, aber eigentlich ist das in den wenigsten Fällen der Fall, und ich denke wir können ruhig weiter ausholen um ein breiteres Publik zu erreichen. Um einige Bespiele zu nennen:

  • Wenn es um quantitative Methoden an Bachelorstudenten geht, kann das auch für andere Fächer der Sozialwissenschaften, aber auch der Naturwissenschaften von Interesse sein. Beispiele von verschiedenen Fachgebieten könnten dann hilfreich sein, wo sich eine Kooperation mit KollegInnen aus diesen Fachgebieten anbietet.
  • Wenn es darum geht Politikbegriffe erlebbar zu machen, dann kann sich das an Hochschulstudenten richten, aber auch an die Erwachsenen und Schulbildung. Wolfgang´s Buch „Europa spielerisch erlernen“ ist ein gutes Beispiel wie wir auch unsere Erfahrungen in der Hochschullehre mit einem größeren Kreis von interessierten KollegInnen teilen kann. Und es bringt mich zu einem Punkt, den ich später noch näher erläutern werde über was wir wie publizieren.
  • Wenn es um pädagogische Aspekte geht, wie zum Beispiel um Problem Basiertes Lernen oder Rollenspiele, dann kann hier ein weites Publikum erreicht werden.

Diese Fragestellung ist von Belang, um sicherzustellen, dass man über seinen kleineren Kreis von interessierten Kolleginnen hinauskommt, und darum geht es ja beim Publizieren in erster Linie

Zu der Frage nach dem WAS  können meiner Ansicht nach Beiträge in 3 große Bereiche eingeteilt werden:

1. Hochschulkritik: Kritische Erläuterungen und Reflexionen über Trends in Hochschullehre. Das Problem besteht, dass solche Beiträge oft als unwissenschaftliches Pamphlet abgestempelt werden, als Kritikrage ohne wissenschaftliche Basis; Und natürlich sollten solche Beiträge nicht nur eine Ansammlung von Kritik sein, aber Kommentare und Selbstreflexion sollten ihren Stellenwert haben, besonders um Fehlentwicklungen aufzuzeigen; Da diese auch sehr spezifisch auf den jeweiligen Kontext gerichtet sein können, ist eine nationale Publikationskultur in diesem Bereich äußerst wichtig. Es gibt internationale und Europäische Trends, die wir erläutern können, aber zum Beispiel, als Österreicherin mit viel niederländischer Erfahrung wäre ich nicht in der Position, um über deutsche Verhältnisse zu reflektieren. Nationale Publikationskultur kann daher zum dem Selbstverständnis der Hochschullehre einen erheblichen Beitrag leisten.

2. Die zweite und wohl im Moment größte Kategorie an Beiträgen aus der Hochschullehre sind (Selbst)Erfahrungsberichte, wo Kollegen und Kolleginnen die Anwendungen von pädagogischen Instrumenten oder anderen Tricks beschreiben und bewerten. Wie mache ich eine Simulation zum Europäischen Rat? Wie haben sich meine Strategien um Studentinnen zum Lesen zu bringen bewährt?Wie kann ich aktives Lernen in meinen Hochschulkurs einbinden?

Das Interesse für solche Beiträge ist im Moment das größte. Und das ist auch verständlich, weil es über die kleinere Gruppe von Pädagogikbegeisterten hinausgeht. Es geht um Anwendung und der Leser hat ein Interesse diese dann selbst ausprobieren zu können. Für wertvolle Beiträge dieser Art sind meiner Meinung nach einige Aspekte zu berücksichtigen:

Der Erfahrungsbericht muss auf guter Innovation basieren. Das klingt etwas selbstherrlich und gemein, aber oft lese ich Beschreibungen von sogenannten Innovationen, die ich niemals mir oder meinen StudentInnen antun würde. Dass soll auch nicht heißen, dass falsch gegangene Experimente nicht geteilt werden sollten. Ganz im Gegenteil. Aber als Autor sollte man sicherstellen, dass es sich in der Tat um pädagogisch und/oder empirisch basierter Innovation handelt.

Erfahrungsberichte müssen nachvollziehbar sein: Hintergrund und Entscheidungslogik müssen genau nachgezeichnet und beschrieben werden. Und dass ist oft was als Problem von Zeitschriftenbeiträgen dieser Art kritisiert wird: sie sind zu deskriptiv. Aber das müssen sie sein, sonst funktioniert es nicht. Hintergrund hilft dem Leser darüber zu reflektieren, ob die Innovation auf die beschriebene oder eine angepasst Weise auch auf den eigenen Kontext übertragen werden kann. Zum Beispiel: in Maastricht verwenden wir eine sehr strukturierte Form von Problem-basiertem Lernen: 15 StudentInnen arbeiten zweimal die Woche für 2 Stunden in Tutorials mit bis zu 12 Stunden Selbststudium dazwischen. Das funktioniert, weil wir ein Modulsystem haben wo Studentinnen nur einen Hauptkurs für acht Wochen folgen. Aber das heisst auch, dass jemand der einen Kurs neben vielen anderen leitet, diese Form des Unterrichtens nicht 1:1 übernehmen kann. Bestimmte Charakteristiken müssen klar kommuniziert werden: Studentenhintergrund; Anzahl an Studenten; Arbeitszeit in und außerhalb des Unterrichts; Erfahrung mit aktivem und selbstgeleitetem Lernen etc.

Aber am wichtigsten für hilfreiche Erfahrungsberichte: das LERNZIEL muss klar kommuniziert werden, denn davon hängt alles ab: und dem wird meiner Meinung nach immer noch viel zu wenig Bedeutung beigemessen. Was ist das Hauptlernziel des Kurses. Was sind die Zeile der jeweiligen Sitzungen? Davon hängen alle anderen Entscheidungen ab; Auch sieht man oft auch noch eine Liste von Lernzielen, die viel zu ambitiös und unrealistisch und daher nur Strohmänner sind; Ohne klares Lernziel ist es schwierig für andere die beschriebenen Innovationen umzusetzen, nicht unmöglich aber der Leser muss viel mehr Arbeit investieren.

Was ich in letzten Jahren sehe ist, dass solche Erfahrungsbericht zusehends als zu deskriptiv abgetan werden: „das hatten wir schon alles, und wir sollten nun einen Schritt weitergehen“. Weitergehen ist immer gut, aber meiner Ansicht nach, sollte das nicht heißen keine Erfahrungsberichte mehr auszutauschen, auch weil sich unser Publik zusehends ändert und verjüngt. Und besonders für KollegInnen zu Beginn ihrer Laufbahn können solche Beiträge eine wichtige Unterstützung darstellen; Außerdem können solche Beiträge zur Innovation in verschiedenen nationalen Kontexten verhelfen, und nationale Publikationskulturen können dabei wieder eine gute Möglichkeit sein, um diese dann auch zu einem nationalen Publikum zu kommunizieren.

3. Die dritte Gruppe von Beiträgen sind pädagogische Forschungsarbeiten, wo es darum geht nicht nur zu beschreiben und unsere Eindrücke als Lehrende zu vermitteln, sondern auch wissenschaftlich diese Einsichten zu untermauern: Lernen messbar machen durch pre- und post-tests und andere empirische Datenerhebungen. In den letzten Monaten wurden in diesem Bereich einige tolle Studien veröffentlicht. Simon Usherwood, z.b. macht immer das Argument, dass wenn man schon mit dem Gedanken spielt über Hochschuldidaktik zu publizieren und sich die Arbeit macht, dann ist es nur mehr ein kleiner Extraschritt um sich Forschungsdesign zu überlegen; ist nicht viel Mehraufwand aber kann man dann auch weiternutzen. Wir brauchen in der Tat mehr Empirie, aber man darf dabei auch den Einsatz und Aufwand nicht unterschätzen.

Lassen sie mich zum Schluss noch kurz auf das WIE und WO des Publizierens in der Hochschullehre eingehen.

Wie und Wo publizieren?

Es ist natürlich klar, dass Publikationen in Englisch eine größere Reichweite erreichen, aber gleichzeitig sollten wir auch nicht vergessen in der jeweiligen Arbeitssprache für den „eigenen“ Markt zu kommunizieren.

Zeitschriftenbeiträge sind die Form der Kommunikation, die uns als Wissenschaftler wohl am normalsten erscheint, aber man muss auch bedenken dass Zeitschriftenpublikationen oft sehr statisch sind (und lange dauern). Man sollte daher durchaus auch über die Möglichkeit nachdenken, Innovatioinen und Ideen in blogs & working papers zu teilen. Gerade open source Publikationen können die Lesereichweite nochmals ernorm steigern. Und man kann solche Beiträge schneller verfassen und publizieren.

Was wir auch als sehr guten Trend sehen, sind zunehmend Sammelbände, die verschiedene nationale Erfahrungen zusammenbringen. Wie zum Beispiel Wolfgang´s Buch oder auch die folgenden zwei Handbücher, die für KollegInnen eine wertvolle Inspirationsquelle sein können:

  • Cathy Gormley-Heenan and Simon Lightfoot S (2012). Teaching Politics and International Relations: http://www.palgrave.com/us/book/9780230300019
  • John Ishiyama, William J. Miller, and Eszter Simon (2015). Handbook on Teaching and Learning in Political Science and International Relations: ohn Ishiyama, William J. Miller, and Eszter Simon (2015). Handbook on …

Gängige Zeitschriften die gerne Lehrbeiträge veröffentlichen oder eigene Sektionen gegründet haben:

– European Political Science: http://www.palgrave.com/us/journal/41304

– Journal of Contemporary European Research: http://www.jcer.net/index.php/jcer

– Journal of Political Science Education: http://www.tandfonline.com/toc/upse20/current

Eine Warnung zum Schluss: publizieren in der Hochschullehre ist wichtig, macht Spaß und kann einem ein wichtiges Netzwerk verschaffen. ABER: es kann nur einen Zusatz bieten, keinen Ersatz für Publikationstätigkeiten im Hauptwissenschaftsfeld. Das heißt besonders für jüngere Kolleginnen: nicht erwarten, dass eine Publikation über Hochschuldidaktik einem bei der Arbeitssuche hilft. Es kann oft einen Beitrag leisten, aber die Anerkennung ist noch immer schwierig und nicht hoch genug.

Dennoch hoffe ich sehr, dass der jetzige Trend und die Aufmerksamkeit die Hochschuldidaktik auch in der Publikationswelt zunehmends bekommt, weitergeht.

Und eines sollten wir sicher nicht tun: nicht auf eine nationale Publikationskultur warten: einfach tun.

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, und ich freue mich auf Ihre Kommentare, Fragen und Kritiken.

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Workshop „Publizieren über die Lehre“

Institut für Politikwissenschaft der Johannes Gutenberg Universität Mainz in Kooperation mit der Themengruppe Hochschullehre der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft, September 2017

 

 

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